Karl-Heinz Ott

autor

Ins Offene


Ohne es zu kennen, hat man dieses Buch bislang vermißt”, so wird im Klappentext das DeutschlandRadio zitiert. Der Ich-Erzähler fährt in der Osterzeit zurück in sein oberschwäbisches Heimatdorf, weil er durch einen Assistenzarzt über den kurz bevorstehen Tod seiner Mutter in Kenntnis gesetzt wurde. Seinen Vater hat er nie gekannt, das Verhältnis zu Mutter und Großmutter war immer schwierig, aus dem dörflichen Käfig ist er so früh als möglich ausgebrochen. Nun geht es also zurück ins Enge. Das ganze Buch stellt eine monologische Reflektion dar; still und melancholisch vermischen sich in harten, kalten Sätzen Erinnerungen mit dem aktuellen Geschehen. Die Verbitterung ist mit Händen zu greifen, die schwere Vergangenheit allgegenwärtig, ihre Aufarbeitung gelingt nur mühsam. Zu vieles, was dem Erzähler unverständlich geblieben ist. Unbarmherzig rechnet er mit der Religiosität und kleindörflichen Kultur ab, beschreibt seine Lebenswelt in Worten, die mir schmerzhaft bekannt vorkommen. Zu den geschilderten Charakteren und geistigen Haltungen fallen mir sofort Gesichter ein, auch die erwähnten Örtlichkeiten habe ich sofort vor Augen. Viele Fragen wirft dieses kleine Buch auf; es ist flüssig und locker zu lesen, besitzt dabei enormen Tiefgang. Die Auseinandersetzung mit der eigenen Vergangenheit, der gescheiterten Beziehung zu seiner Mutter und deren Sterbeprozess haben mich berührt, hinterfragt und ins Nachdenken gebracht. Der Text auf dem Backcover läßt verlauten: “Mit großer Eindringlichkeit schildert [der Autor] die letzten Tage dieser Mutter und den Versuch des Sohnes, mit ihr ins reine zu kommen, ins »Offene« zu gelangen”. Gut getroffen; ich empfehle dieses Buch.
Vypredané
3,33 € 3,50 €